Beitrag von Dr. Hans-Joachim Winkhardt
Zirka 90% der Vogelarten, die in Deutschland brüten, sind Zugvögel. Dabei werden Kurz-, Mittel- und Langstreckenzieher unterschieden. Kurzstreckenzieher wie z.B. Rotkehlchen wandern selten mehr als 2.000 km und richten sich dabei nach den Wetterbedingungen. Ihre bevorzugten Zugziele liegen in Westeuropa und im Mittelmeerraum. Die Sahara wird von ihnen in der Regel nicht überquert. Die Strecken von Mittelstreckenziehern (z.B. verschiedene Drosselarten) sind länger und können bis zu 6.000 km reichen; ihr Zugverhalten gleicht jedoch den Kurzstreckenziehern. Zwei Drittel unserer Zugvögel ziehen als Langstreckenzieher regelmäßig zu bestimmten Zeiten in der 2. Jahreshälfte mehr als 4.000 km nach Süden.
Umfangreiche Untersuchungen und Experimente haben bewiesen, dass das Zugverhalten genetisch bedingt, d.h. angeboren ist. Zugverhalten und Leistungen können mit kleinen, leichten Minisendern auf dem Rücken einzelner Vögel gemessen werden. Die Signale werden über vier Satelliten weitergeleitet und ermöglichen Ortungen bis Süd-Afrika.
Mehr als zwei Drittel der nach Afrika wandernden Zugvögel überwintern nördlich des Äquators; zahlreiche in Westafrika, zum Beispiel im Senegal. Der Zug weiter nach Süden würde in und über ausgedehnte feucht-heiße Regenwaldgebiete führen und wäre eine zusätzliche Erschwernis.
Im Folgenden sollen 4 bedeutende Nationalparks und Naturschutzgebiete im Senegal zwischen den Grenzen zu Mauretanien im Norden und Gambia im Süden vorgestellt werden, in denen viele unserer Zugvögel als Wintergäste anzutreffen sind. Wir besuchten die Winterhabitate Mitte März 2026 in einer Zeit, in der manche Arten schon auf dem Rückzug nach Europa waren wie z.B. Uferschnepfen, während andere sich noch zum Teil in großer Anzahl dort sonnten wie z.B. Sanderlinge, Alpenstrandläufer, Kampfläufer, Löffelenten etc. Die von uns beobachteten Zugvogelarten kamen nicht nur aus Mitteleuropa, sondern auch aus dem Norden (z.B. Pfuhlschnepfe) oder aus Südeuropa (z.B. Sichler), d.h. aus der ganzen Paläarktis.
1. Nationalpark Djoudj

60 km nordöstlich von Saint-Louis im Mündungsgebiet des Senegal an der Grenze zu Mauretanien; 160 km² Hektar; drittgrößtes Vogelschutzgebiet der Erde, Ramsar Feuchtgebiet von internat. Bedeutung, Weltkulturerbe, in der Sahel-Zone; im Winter zum Teil überflutet, danach weitgehend ausgetrocknet. Durch Staudämme kann der Wasserstand mit Hilfe funktionierender Schleusen gesteuert werden.
Zu den etwa 400 einheimischen Vogelarten gesellen sich im Winter mehr als 1 Mio. Zugvögel aus Europa, die nach ihrer Durchquerung der Sahara hier auf die ersten größeren Süßwasservorkommen stoßen.

Nimmersatt, Rotgesicht-Löffler, Glockenreiher, Heiliger Ibis (Afrikaner = A), Stelzenläufer (Zugvogel = Z), Seidenreiher (Z), Graureiher (A oder Z)

Rohrweihe mal. (Z)

sumpfiger Tümpel; ein typisches Winterhabitat je nach Wasserstand für Limikolen, Reiher; mit Schilfbewuchs für Schilfbewohner. Angetroffen wurden Teich- u. Schilfrohrsänger, Bach- u. Wiesenschafstelze (Z) sowie Rallenreiher (A). Nach Mitteilung eines ortsansässigen französischen Ornithologen waren dort auch Uferschnepfen einige Wochen zuvor.

Warzenschwein. Im Nationalpark Djoudj kommen nicht nur Vögel vor. Angetroffen wurden auch Husarenaffe, Nilwaran und Siedleragame.

adulte und juvenile Rosapelikane in einer Brutkolonie (A)

Alpenstrandläufer (Z)

Kampfläufer (Z)
2. Nationalpark Langue de Barbarie

30 km langgestreckte schmale Halbinsel (Sandnehrung) parallel zur Atlantik-Küste, 18 km südlich von Saint-Louis, 20 km² Vogelschutzgebiet mit Brutkolonien von Seevögeln sowie Überwinterungsgebiet zahlreicher Zugvögel besonders von Möwen, Seeschwalben; Nistplatz von Meeresschildkröten.
Angetroffen wurden neben einheimischen Guineaseeschwalben, Graukopfmöwen und anderen auch Zugvögel wie Raubseeschwalbe, Fischadler, Regenbrachvogel, Gartenrotschwanz

brütende und ruhende Graukopfmöwen (A), Guinea- (A) und Raubseeschwalben (Z)

Graukopfmöwen (A), Guinea- (A) und Raubseeschwalben (Z)

Raubseeschwalbe (Z)
3. Naturschutzgebiet Somone-Lagune

An der Atlantik-Küste 80 km südlich von Dakar gelegen; touristisch gut erschlossen, dennoch mit vielseitiger Vogelwelt und zahlreichen Wintergästen. Mangroven, Sandbänke. Das Flussdelta ist ein
Rückseitendelta oder Rückstromdelta, da der Gezeitenstrom des atlantischen Ozeans an der Sedimentation im Delta stark beteiligt ist. Das Wasser des Flusses aus der Regenzeit reicht für eine ganzjährige Wasserführung nicht aus. Die Lagune misst etwa 2 x 2 km.
Angetroffen wurden zum Teil in großer Anzahl Fischadler, Brandseeschwalbe, Heringsmöwe, Austernfischer, Steinwälzer, Regenbrachvogel, Pfuhlschnepfe, Rotschenkel, Flussuferläufer, Sanderling, Dorngrasmücke

Mangroven mit Muscheln an den Stelzwurzeln

Kiebitzregenpfeifer (Z) beim Verzehr einer Muschel

Atlantikküste an der Somonemündung; zu sehen sind Weißbauch-Kormorane (A) und Regenbrachvogel (Z)

Dorngrasmücke (Z) im Ort Somone
4. Nationalpark Saloum-Delta

An der Atlantik-Küste nördlich der Grenze zu Gambia; weitläufiger, vielseitiger Nationalpark (760 km²) mit Mangrovesümpfen, einem Labyrinth aus Gezeitenkanälen; außerdem Sandbänke, einige Inseln, wüstenartige Sandflächen und Salztonebenen, aber auch bewohnte Savanne; Ramsar-Schutzgebiet, Biosphärenreservat, Weltkulturerbe. Neben zahlreichen Brutvogelarten und sonstiger afrikanischer Fauna zahlreiche Wintergäste; Nistplatz von Meeresschildkröten und auch Lebensraum von Seekühen, hier die stark gefährdeten Westafrikanischen Manatis (Trichechus senegalensis).
Angetroffen wurden u.a. die Wintergäste Fischadler, Raubseeschwalbe, Lachseeschwalbe, Kiebitzregenpfeifer, Sandregenpfeifer, Seeregenpfeifer, Steinwälzer, Rotschenkel, Grünschenkel, Sichelstrandläufer, Zwergstrandläufer, Sanderling

Lachseeschwalbe (Z)

Rötelpelikan, Küstenreiher, Riedscharbe (A)

Fischadler (Z). Der Fisch war letztendlich zu schwer.

Grünschenkel (Z)

Sanderlinge (Z) in großen Scharen.
Textquellen: Peter Berthold, Vogelzug, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; Limbrunner et al.: Enzyklopädie der Brutvögel Europas, Kosmos Verlag, Stuttgart; Woike, M.: Schutz und Entwicklung des Nationalparks Djoudj in der Republik Senegal, Landesamt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten NRW (LÖBF) Mitteilungen 1.01 S. 42-51, NABU, LBV Bayern, Praxis Wissen ARD, WWF, Unesco World Heritage Centre
Text: Dr. Hans-Joachim Winkhardt
Fotos: Monika Winkhardt (MW) und Dr. Hans-Joachim Winkhardt (HJW)